Im "Heidi" haben viele Faktoren aufs glücklichste zusammengewirkt und so das Buch zu einem der bekanntesten Klassiker der Jugendliteratur gemacht. Da ist zunächst die Kraft seiner stimmigen, einfachen Fabel, die wirklich jedem Kind einleuchtet. Dazu kommt die Klarheit der auftretenden Personen - man weiss genau, woran man ist; man kann sie lieben oder verabscheuen. Zu hören ist die uralte Stimme der Natur, am symbolhaftesten ausgedrückt im wiederholt beschriebenen Rauschen der Bergtannen, und herausgehoben wird die Kraft der Liebe und des Gottvertrauens. Jeder Leser wird gepackt und gerührt, kann lachen und weinen, wird in seinem Innersten angesprochen und bereichert. Dazu kommt als "moderner" Gehalt, Heidis psychosomatische Erkrankung im fernen Frankfurt, wo es, unverstanden in seiner Naivität, vor Kummer und Heimweh fast zugrunde geht, bis es durch den einfühlsamen Doktor wieder seiner ursprünglichen Umgebung, den Menschen und Tieren, die es liebt, zurückgegeben wird. Dadurch wird das Erhoffte, erfreulicherweise aber auch das Unerwartete bewirkt: Heidi wird wieder gesund, auch Klara findet Heilung, und der vereinsamte Grossvater findet zu seinen Mitmenschen zurück. Dass bei alledem auch der Humor nicht zu kurz kommt, ist eine weitere positive Eigenschaft dieses Buches.
Damals, bei seinem erscheinen, muss das "Heidi" geradezu revolutionär gewirkt haben. Da wagte es doch jemand, sich ganz auf die Seite des Kindes zu stellen, statt, wie gewohnt, auf die Seite belehrender Erwachsener! Als Pionierin der Jugendliteratur propagierte Johanna Spyri so die Wertschätzung des Kindes als Kind.
Kritiker bemängeln etwa, die Autorin verteile Gut und Böse, Schwarz und Weiss etwas gar zu deutlich. Macht aber solches nicht auch den Reiz der meisten Märchen aus, die ja den grössten Schatz aller Volksliteraturen bilden? Oder es heisst, das Buch sein in der Verherrlichung des Landlebens zu einseitig, und weiter, das allseits gute Ende sei unrealistisch. Warum aber sollen wir das unseren Kindern - mit Ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitsbedürfnis - nicht auch gönnen? Anderes erfahren sie noch früh genug!
Und schliesslich: Ist das "Heidi" nicht viel zu brav, zu fromm, zu religiös? Nur, wer jegliche Existenz des Wunderbaren und die Kraft des Glaubens leugnet, dem ist sowieso nicht zu helfen. Doch: Ist es nicht gerade heute lebenswichtig, den Glauben an das Gute, das Wahre, das Schöne nicht noch ganz zu verlieren?
So oder so: Aus dem "Heidi" spricht die Stimme der Liebe - wir sollten nicht müde werden, darauf zu hören. Ein Kind bewegt die Welt, vermag positive Veränderungen bei den Menschen zu bewirken - steckt a nicht ein ganzes Erziehungsprogramm dahinter?
Quelle: Jürg Winkler, Dorfstrasse 34, CH-8816 Hirzel