Die neue Lernmethode


Pfarrer Schweizer hatte für den jungen Schulmeister den Stundenplan gemacht, welcher folgendermassen aussah:

„Vormittag von 9 bis halb 10 Uhr soll er die Kopfrechnung mit den Kindern traktiren [lernen]. Dann bis 10 Uhr sich mit den abc-Schühlern abgeben; ihnen allemal die Buchstaben an die Tafel hinzeichnen; bey den Vocalen anfangen, dann sie die Consonanten kennen lehren, und ihnen nach und nach zeigen, wie aus den Buchstaben Silben entstehen: was er ihnen an die Tafel hinzeichne, das soll er ihnen dann noch in ihrem Namenbüchli zeigen, damit sie bey Haus ihren Aeltern vorweisen können, was sie jeden Tag gelernt haben. Von 10 bis halb 11 Uhr soll er sich mit den buchstabierenden Kindern abgeben, denen erst einsilbige, und besonders die Stammwörter an die Tafel hinzeichnen, und sie mit denen vollkommen bekannt machen. Dann sie auf das führen, wie mehrsilbige Wörter entstehen; ihnen zuerst die Vorsilben mit den Stammwörtern und hernach die Nachsilben mit denselben an die Tafel hinzeichnen. Von halb 11 Uhr bis End dieser Stund soll er sich mit den lesenden Kindern abgeben, und ihnen jedes Mal das zu lesende Stück zuerst selbst laut und verständlich vorlesen: nach dem Aufsagen soll er die Kinder mit dem Hauptinhalt des gelesenen bekannt machen, und sie die Haupt-, Zeit- und Beywörter u.s.w. kennen lehren.

Nachmittag soll den Nichtschreibenden zuerst ihre Lezgen [Hausaufgaben] aufgegeben werden und vorgesprochen werden; dann die schreibenden Kinder bis 2 Uhr ihre Schreibübung haben: nach dem kann ihnen ein Lesepensum oder etwas zum auswendig lernen aufgegeben werden. Von 2 bis 3 Uhr soll eine Classe nach den anderen bhört [abgehört] werden, so dass die Kinder jeder Classe laut miteinander aufsagen und aussprechen sollen. Mit dieser Stunde erhalten die lesenden Kinder mehr Zeit als des Morgens: ihre Lesebücher sind das Neue Testament, Hr. Prof. Schulthessen Kinderfreund, und Steinmüller’s Schulbuch."

Schweizer zieht anschliessend folgende Bilanz: „ Die hiessige Schuhle ist nun nach der verbesserten Lehrform etwas zu 4 Monaten gehalten worden; sie ward mit 14 Kindern angefangen, und die fassten sie [diese lernten es] so gut, dass immer mehrere Kinder herbey gelokt wurden, so dass ihre Zahl sich schon auf 60 belief. Gewöhnlich befinden sich zwischen 40 und 50 Kinder in der Schuhle. Schade, dass meine Gemeinde so zerstreut ist, und Gegenden sich darin befinden, von denen her die Kinder unmöglich in die Schuhle geschikt werden können, besonders zur Winterszeit: gleichwohl hoffe ich auf den Frühling und Sommer auf mehrere Kinder, die die Schuhle besuchen werden."

Des Lobes voll ist er über den Schulmeister: „Der junge Schuhlhalter ist den Kindern lieb: alle erweisen ihm Achtung und Folgsamkeit; er besitzt auch das ganze Zutrauen [Vertrauen] der Aeltern, die ihm allen Dank wissen, und von denen einige ihm ihren Dank auch thatlich schon erzeigt [ihm wohl ein Geschenk gemacht] haben. Er verdient aber auch diesen Dank, indem er allen Fleiss und Treue an die Kinder verwendet, in der neuen Lehrform webt und schwebt, und in der täglich tiefer studirt, so dass ich die Freyheit nehme, ihn einem hohen Erziehungsrath zur besten Ermunterung zu empfehlen, und auch dazu, ihn nun bald zum Adjunkt seines Vaters zu machen, damit er dann unter diesem Charakter die Schuhle forthalten kann".


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